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Tuesday
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APR

Körners Corner: Eldorado mit Regisseur Markus Imhoof

19:45
22:45
Programmkino Ost
Event organized by Programmkino Ost

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Premiere/ Körners Corner. Zu Gast ist Regisseur Markus Imhoof.

Zu Körners Corner:
Seit Herbst 2011 trifft sich Filmkritiker Andreas Körner in dieser Veranstaltungsreihe mit dem Publikum im Saal, mit Regisseuren und Schauspielern, aber auch mit Filmverrückten und -experten, die nicht vor oder hinter der Kamera stehen. Es geht um Premieren neuer Leinwandwerke, um Genres, Stile und Themen, die das Kino flankieren. Und es geht um aufschlussreiche Information und kontroverse Meinungen, also vor allem um Sie, liebe Besucher und Besucherinnen! Das Motto der ersten CORNER hat weiterhin Bestand: „Was Sie schon immer über Kino wissen wollten …“ Hier ist der Platz, um etwas zu erfahren, interessante Menschen zu treffen oder um einfach mal ein wenig zu streiten. Kein Vortrag, keine Berieselung – keine Scheu!


Zum Film Eldorado - by Markus Imhoof:
„Das Einzige, was uns am Ende bleibt, sind Erinnerungen, die auf Liebe basieren.“

Es ist eine solche Erinnerung, die den preisgekrönten Regisseur Markus Imhoof sein Leben lang begleitet hat: Es ist Winter, die Schweiz ist das neutrale Land inmitten des Zweiten Weltkriegs und Markus Imhoofs Mutter wählt am Güterbahnhof ein italienisches Flüchtlingskind aus, um es aufzupäppeln. Das Mädchen heißt Giovanna – und verändert den Blick, mit dem der kleine Markus die Welt sieht.

70 Jahre später kommen wieder Fremde nach Europa. Markus Imhoof hat Giovanna nie vergessen, hat ihre Spuren verfolgt und in ihrem Land gelebt. Nun geht er an Bord eines Schiffes der italienischen Marine, es ist die Operation „Mare Nostrum“, in deren Verlauf mehr als 100.000 Menschen aus dem Mittelmeer gezogen werden. Mit den Augen des Kindes, das er damals war, spürt er den Fragen nach, die ihn seit jeher umtreiben.

Markus Imhoof erzählt nach seinem herausragenden und u.a. mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichneten Kinoerfolg MORE THAN HONEY erneut eine sehr persönliche Geschichte, um ein globales Phänomen erfahrbar zu machen. Seine Fragen nach Menschlichkeit und gesellschaftlicher Verantwortung in der heutigen Welt führen ihn zurück zu den Erlebnissen seiner Kindheit und seiner ersten Liebe.

DIRECTOR´S NOTE
Das Ausland spielte eine große Rolle in unserer Familie: Mein Vater hatte seine Dissertation über Aus-wanderer aus Europa geschrieben, meine Mutter ist in Indien geboren, eine Tante kam aus Odessa, die andere lebte in Ägypten, ein Onkel in Kolumbien, der andere in den USA. Über meinem Bett hing wäh-rend meiner ganzen Jugendzeit eine Karte von Afrika, mit einem echten Speer, der aufs „Herz der Finsternis“ zeigte.
1945 kam Giovanna aus Italien zu uns in die kriegsverschonte Schweiz. Es war die Zeit, in der ich ent-deckte, dass auch alle andern zu sich selber „Ich“ sagen. Ich verliebte mich in das fremde „Ich“. Das hat mein Leben nachhaltig geprägt.
In dieser Zeit galt in der Schweiz die Formulierung: „Flüchtlinge nur aus Rassegründen gelten nicht als Flüchtlinge,“ weil es davon am meisten gab. 24.000 Gerettete schickte man wieder zurück - weil wir sonst wegen der Last dieser zusätzlichen Passagiere alle zusammen untergehen würden. Darüber habe ich 1980 den Spielfilm DAS BOOT IST VOLL gedreht, die Geschichte einer zufällig zusammengewürfel-ten Gruppe von Flüchtlingen, die zurückgeschickt wurden in den Tod. Für das Flüchtlingsmädchen Kitty habe ich ein Mädchen gesucht, das Giovanna gleicht. Als Folge des Zweiten Weltkriegs wird heute Rassendiskriminierung als erster Punkt in der Genfer Konvention als Asylgrund anerkannt.

Heute gilt der Grundsatz: „Flüchtlinge nur aus sozialer Not gelten nicht als Flüchtlinge,“ weil es davon am meisten gibt. Das Boot ist wieder voll. Ich hatte vor 35 Jahren nicht damit gerechnet, dass der Titel meines Films noch einmal so konkret und drängend wird, dass man darüber nochmals einen Film dre-hen muss. Nach meinem letzten Dokumentarfilm MORE THAN HONEY begann ich an zwei neuen Filmprojekten zu arbeiten: einem über Migration, einem über Geld.

Während meiner Recherchen merkte ich bald, wie eng beide Themen miteinander verbunden sind und dass das Thema Migration nicht ohne das Thema Geld zu erzählen ist.

Jeder von uns trägt ein Stück Kongo in seiner Hosentasche: seltene Erden im Handy. 80% von Coltan wird in rückständigen Minen im Kongo gegraben, aber die Gewinne der Rohstoffhändler fließen in die Schweiz. Auch mit den Europäischen Handelsabkommen mit Afrika für den zollfreien Import unserer Agrarprodukte werden die Spielregeln verzerrt: Afrikanische Bauern können gegen unseren subventionierten Erfolg nicht mithalten.
Die Globalisierung hat das Proletariat „exportiert“ und kehrt sich um in wirtschaftliche Kolonialisierung: Geld, Reiche und Waren reisen global, aber Arme müssen bleiben wo sie sind. Die über die Welt verteil-ten wirtschaftlichen Hoch- und Tiefdruckgebiete sind heute Voraussetzung für die möglichst billige Pro-duktion der Warenströme. Nur ein Gefälle kann unser Wasserrad antreiben.

Die Asylsuchenden sind eine Folge dieser Dynamik. Unser Glück lockt sie an. Aber sie stören bei der Steigerung von Wohlstand und Wirtschaftswachstum. Darum das Einreiseverbot nach Europa. Die Abwehr überlässt man den Naturkräften des Meeres. Seit dem Jahr 2000 sind 30.000 Menschen auf der Flucht ertrunken: eine Kleinstadt aus Leichen. Menschenleben als Kollateralschaden unseres Wohl-stands und unserem „Pursuit of Happiness“.

Die Krise ist nicht vorbei, sie fängt erst an, bald kommen auch noch die Klimaflüchtlinge.

Die Erinnerung an Giovanna schenkt mir die Radikalität des Kinderblicks, ein fruchtbarer Kontrast zur internationalen Maschinerie, mit der die Fremden verwaltet werden. Noch nie war es so schwierig, Drehbewilligungen zu bekommen. Es muss also „was dran“ sein an dem Thema, wenn man dessen Bearbeitung so eifrig versucht zu verstecken. Aber auf der Agenda bei Wahlen und Koalitionsverhand-lungen steht es zuoberst.

Unsere Herausforderung war, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Grundsätzliches entlarvt sich oft an einem Detail, an einem Blick, einem Lachen, die Summe des scheinbar Unwesentlichen macht das Wesentliche sichtbar.

Im Kern geht es um den Konflikt zwischen „ich“ und „uns“, um den Kontrast oder das Zusammenspiel der vielen Einzelnen zu einem Ganzen. Wie in einem Orchester, wo nicht die Trompete die Musik domi-niert, sondern auch die Bratsche und die Flöte zu hören ist. Es geht um eine Hoffnung auf ein Gleich-gewicht, auf ein Zusammenleben zwischen Nord und Süd als Organismus, der sich nicht mehr perma-nent ausnutzt und damit selbst zerstört.

Auch alle andern sagen zu sich selber „Ich“. Das kann zu Krieg führen oder der Anfang einer Liebesgeschichte sein.

An der Tür einer Schneiderei, die von Flüchtlingsfrauen betriebenen wird, hängt ein Spruch aus Alice im Wunderland: „Ich kann einfach nicht an das Unmögliche glauben,“ sagte Alice. Da antwortet die Rote Königin: „Du gibst Dir nicht genug Mühe! In Deinem Alter habe ich das jeden Tag eine halbe Stunde geübt und manchmal konnte ich an sechs unmögliche Dinge glauben, schon vor dem Frühstück.“

Markus Imhoof, Februar 2018